10.01.2005 - Zukunft der Schädelbasis-Chirurgie in Deutschland
Experten-Interview: Neue Entwicklungen in der Schädelbasischirurgie
Deutschland ist nachwievor international führend im Bereich der Medizintechnik. Nicht nur die Technologie der Navigation, sondern auch die der Mikrochirurgie und chirurgischen Mikrosystemtechnik wurde in Deutschland unter anderem entwickelt: Technologien, die die Grundlage bilden für die Weiterentwicklung der Schädelbasischirurgie.
Wir unterhielten uns zum Thema "Neue Entwicklungen in der Schädelbasischirurgie" mit Prof. Dr. Jörg Schipper, Leitender Klinischer Oberarzt an der Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik Freiburg am Interdisziplinären Zentrum für Schädelbasis- und Craniofaciale Chirurgie.
Prof. Schipper, was versteht man heute unter dem Begriff "Schädelbasischirurgie"?
Prof. Schipper: Mit dem Begriff "Schädelbasischirurgie" sublimiert man heute sämtliche chirurgische Maßnahmen im Bereich der knöchernen Schädelbasis, am Übergang vom Hals- zum Kopfbereich. Das besondere dabei ist, dass dieser Bereich verschiedene chirurgische Fachdisziplinen umfasst wie die Kopf- und Halschirurgie in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, die Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie, die Augenheilkunde und die Neurochirurgie. Krankheitsprozesse wie Fehlbildungen, Entzündungen oder Tumore im Bereich der Schädelbasis machen typischerweise keinen Halt vor den chirurgischen Grenzen und Zuständigkeiten der oben genannten Fachdisziplinen, sondern im Gegenteil, sie überschreiten diese regelmäßig.
Ein versierter Schädelbasischirurg muß sich daher durch eine intensive Zusammenarbeit mit den medizinchirurgischen Nachbardisziplinen über viele Jahre hinweg weiterbilden für das notwendige Wissen und Erfahrung, um derartige schädelbasischirurgische Eingriffe auch sicher zu beherrschen. Da weder eine anerkannte spezielle Facharztweiterbildung noch ein universitären Lehrstuhl für Schädelbasischirurgie in Deutschland exsistiert, bieten nur spezielle interdisziplinäre Schädelbasiszentren solche Voraussetzungen.
Sie haben aufgrund dieses Mangels an ausgewiesenen Zentren für Schädelbasischirurgie in Freiburg schließlich ein solches Zentrum aufgebaut?
Prof. Schipper: Am Universitätsklinikum Freiburg gab es bereits in den 70er Jahren als erste deutsche Universitätsklinik überhaupt eine intensive Zusammenarbeit zwischen den chirurgischen Nachbardisziplinen im Kopf- und Halsbereich als Keimzelle für das später von uns offiziell gegründete Schädelbasiszentrum Freiburg. Die Zahl der Anfragen und Behandlungsfälle aus dem In- und Ausland wächst dabei stetig. Patienten, Interessenten und Kollegen können entweder direkt über mich bzw. mein Sekretariat oder über unsere Homepage schriftlich oder telephonisch Anfragen richten oder bereits einen Termin vereinbaren.
Jeder an uns gerichtete Behandlungsfall wird in der wöchentlich stattfindenden interdisziplinären Schädelbasiskonferenz oder in eiligen Fällen auch außerhalb davon intensiv erörtert und das weitere Vorgehen festgelegt. Hieran schließt sich ein intensives Patientengespräch an, möglichst mit weiteren Angehörigen, um den Patienten umfassend über seine Situation und die nächsten möglichen Behandlungsschritte eingehend zu informieren.
Was zeichnet Sie besonders als Schädelbasischirurgen aus?
Prof. Schipper: Wir haben bereits sehr früh als eines der ersten Schädlbasiszentren überhaupt die Technologie der Navigation und der Mikrochirurgie eingeführt und stetig weiterentwickelt. Der Einsatz der Navigation ermöglicht nicht nur durch einen kleinen, gering traumatisierenden Zugangsweg den entsprechenden Krankheitsherd punktgenau anzusteuern, sondern ermöglicht auch den Operateur sich ständig selbst zu kontrollieren und sicherzustellen, dass er beispielsweise einen malignen Tumor auch wirklich mit dem notwendigen onkologischen Sicherheitsabstand überall entfernt hat.
Zudem erlaubt der Einsatz der medizinischen Navigation als "Informations Assistierte Chirurgie" gemeinsam mit den beteiligten Fachdisziplinen den Eingriff bereits präoperativ zu simulieren und etwaige notwendige Implantate für eine vollständige Wiederherstellung der Intigrität der Schädelbasis bereits präoperativ anfertigen zu lassen. Das spart nicht nur Operationszeit, senkt die operative Morbidität sondern ermöglicht auch ein sicheres Schonen oder Wiederherstellen sämtlicher knöcherner Stützstrukturen und Funktionsstrukturen vitaler Nerven und Gefäße.
Spezielle Sensoren und Computer überwachen während eines solchen schädelbasischirurgischen Eingriffs permanent die Funktion wichtiger, möglicherweise gefährdeter Gefäße oder Hirnnerven zum Beispiel für das Sehen, Hören, Kauen und Schlucken. Als operative Zugangswege verwenden wir dabei nach Möglichkeit operative Zugangswege wie wir sie auch schon aus der Plastischen Chirurgie kennen, um mögliche Narben im Gesichtsbereich sowie sichtbare Deformitäten zu verhindern.
Unser erklärtes Ziel ist immer den Patienten komplett zu von seiner Schädelbasiserkrankung zu heilen und ihn möglichst schnell wieder in sein normales berufliches und privates Umfeld zu integrieren. Der Einsatz spezieller und von uns zum Teil auch weiter entwickelter Mikroinstrumente und -manipulatoren, teilweise navigationsgestützt, ermöglicht uns, den Zugangsweg bzw. den Operationskorridor sehr schmal zu halten bis zu einer Größe eines kleinen Einstichkanal einer herkömmlichen Kanüle.
Welche Art von Krankheitsprozessen werden von Ihnen in einem solchen Schädelbasiszentrum nun eigentlich operiert?
Prof. Schipper: Sämtliche angeborene Fehlbildungen oder unfallbedingte Deformitäten des Gesichts- und Hinrschädels sowie entzündliche, gut- und bösartige Tumoren im Bereich der Schädelbasis wie Meningeome, Chordome, Kraniopharyngeome, Akustikusneurinome, Chondrosarkome, und Karzinome.
Wie sehen Sie die Zukunft der Schädelbasischirurgie in Deutschland?
Prof. Schipper: Deutschland ist nachwievor international führend im Bereich der Medizintechnik. Nicht nur die Technoloigie der Navigation, sondern auch die der Mikrochirurgie und chirurgischen Mikrosystemtechnik wurde in Deutschland unter anderem entwickelt: Technologien, die die Grundlage bilden für die Weiterentwicklung der Schädelbasischirurgie.
Daher werden gerade in Deutschland in Zusammenarbeit mit den etablierten universitären interdisziplinären Schädelbasiszentren neue Impulse für Innovationen für immer mehr patientenorientierter Verfahren zu erwarten sein. Das gilt auch insbesondere für elektronische Sensoren, so genannte Neuroprothesen die lebenswichtige Sinnesorgane wie das Innenohr bei kompletter Ertaubung oder Schwerhörigkeit sowie die Netzhaut bei Erblindung in ihrer Funktion ersetzen können.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Interview führte Andreas Frädrich)
© Medizinische Nachrichtenagentur und Enzyklopädie 2009