08.10.2007 - Brillenprojekt am Ghimbi Adventist Hospital in Äthiopien

Mit knapp 500 Brillen im Land mit 13 Monaten Sonnenschein und dem besten Kaffee

Brillenprojekt am Ghimbi Adventist Hospital in Äthiopien
Brillenprojekt am Ghimbi Adventist Hospital in Äthiopien

Ein Beitrag von Stefan Kallenberger, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die Vorgeschichte

Vor mittlerweile fast zwei Jahren fand der letzte Besuch einer Delegation der äthiopischen Partnergemeinde der Kirchengemeinde meines Dorfes Ahlerstedt-Bargstedt (Landkreis Stade bei Hamburg)  statt. Schon damals entstand die Idee zum Projekt: Die Gäste wurden auf mehrere Familien verteilt, drei nahmen meine Eltern auf. Schon seit einiger Zeit sammelten diese in ihrer Apotheke die von Patienten nicht mehr benötigten Brillen, um sie an den Augenoptiker E. von Hein im Nachbarort Harsefeld weiterzuleiten, der sie wiederum Hilfsprojekten zukommen lässt. Einer der Gäste konnte eine der gesammelten Brillen für sich verwenden – daraus entstand der Plan, Brillen nach Ghimbi zu bringen.

Da ich mich schon seit einiger Zeit mit Augenheilkunde beschäftigt hatte, fand ich die Idee sofort spannend, als mir meine Eltern davon erzählten. Im letzten Jahr kontaktierte ich schließlich über den aus der Umgebung meines Dorfes stammenden Pastor Thomas Haase, der für die Hermannsburger Mission bei der Mekane Yesu Chiurch in Ghimbi tätig ist, das Krankenhaus der Stadt, das „Ghimbi Adventist Hospital“. Durch seine Missionsorganisation war vor einem knappen Jahrzehnt die Partnergemeindebeziehung zustande gekommen. Einige Zeit später bekam ich Rückmeldung von der aus Schottland stammenden Leiterin des Krankenhauses, Dr. Ruth Lawson, die den Plan gut fand.

Brillenprojekt in Äthopien - der Haupteingang des Ghimbi Adventist Hospital

Der Haupteingang des Ghimbi Adventist Hospital

Sofort unterstützt wurde das Projekt durch die Harsefelder Augenoptiker E. von Hein und A. Büsch, bei denen von Patienten zurückgegebene Brillen für Hilfsprojekte gesammelt und vermessen werden. Der vom Pastor Thomas Haases Vater geleitete Chor sammelte spontan auch noch einen Karton voll Brillen und so kam eine beträchtliche Menge zusammen. Vermittelt durch Herrn Dr. Antonio Bergua von der Uni Erlangen-Nürnberg durfte ich, bevor es losging, Brillen mit noch nicht bestimmten Refraktionswerten in meiner Universitätsaugenklinik vermessen.
 
Zum Bestimmen der benötigten Brillenstärken und Astigmatismen der äthiopischen Patienten durfte ich einen an der Klinik ausgemusterten Phoropter (Foto s. u.) samt Aufhängung mitnehmen, der nach meiner Zeit auch dort gelassen werden durfte. Durch Herrn Prof. Mardin bekam ich freundlicherweise ein Hand-Skiaskop geliehen und erhielt ein paar Tage vor Abreise noch einen Crash-Kurs in Skiaskopie durch Frau Dr. Gusek-Schneider aus der Universitätssehschule.

Im Stadtzentrum von Addis Abeba

Im Stadtzentrum von Addis Abeba

Vom 20. April bis zum 20. Mai 2007 nach Äthiopien

Mit knapp 500 Brillen und augenheilkundlichen Instrumenten sowie gerüstet mit vielen guten Ratschlägen ging es schließlich am 20. April los, für einen Monat nach Äthiopien. Doch selbst die 45 kg, die als Gepäck bei Ethiopian Airlines zugelassen waren, reichten nicht aus. Mit riesigem Glück bekam ich meine insgesamt 63 kg dann doch mit – einige Tage vor Abflug erfuhr ich beim Telefonieren mit dem Stützpunkt der Hermannsburger Mission in Addis, dass im gleichen Flugzeug eine Mitarbeiterin der Organisation saß, die noch genügend Gepäck frei hatte. Die nächste Hürde war dann der Zoll. Die Koffer wurden sofort herausgewunken, "Do you have papers?" wurde ich gefragt. Mit den Spendenbestätigungen eines Augenoptikers, der Uni-Augenklinik und der Hermannsburger Mission, ein paar guten Argumenten auf Englisch von mir und ein paar guten Argumenten auf Amharisch der Mitarbeiterin, die uns vom Flughafen abholte, gelang es dann schließlich, die Koffer durchzuschleusen.

Der neu eingerichtete ophthalmology room

Der neu eingerichtete ophthalmology room – Assistentin Brhani hilft beim Refraktionieren

Ankunft in Äthiopien, fünf Tage in Addis Abeba

Dann kamen ein paar Tage zur Eingewöhnung in Addis, einer Stadt mit sofortigem Kulturschockpotential. Auf den Straßen drängten sich Menschen, Tiere und halbkaputte rußvernebelnde Autos. Am Straßenrand spielende Kinder, kleiderwaschende Mütter, Bettler und Verkaufsstände mit Obst, Kleidung und allem möglichen anderen. Eine Mischung aus Blechhütten, Bananenstauden, einigen Firmenhochhäusern, Märkten, Schaf- und Ziegenherden. Alles war hier etwas anders, sogar das Datum – in Äthiopien gibt es dreizehn Monate 12 mit je 30 Tagen und einen Extramonat mit fünf Tagen.

Gemeinsam mit Pastor Thomas Haase auf einem Spaziergang durch die Innenstadt. Zahlreiche Kinder beäugen die exotischen Ausländer

Nach dem ersten Tag, den ich auf dem Hermannsburger Stützpunkt verbrachte, wurde ich von einem ehemaligen Mitarbeiter des Ghimbi Adventist Hospitals zu einem weiteren Missionsstützpunkt gebracht, wo die Leiterin des Krankenhauses ihr Quartier hatte.

Supermarkt in Ghimbi – Alles auf 10 Quadratmetern

Supermarkt in Ghimbi – Alles auf 10 Quadratmetern

Da diese noch einige Tage auf einen Termin bei einer Gesundheitsbehörde warten musste, blieb mir nun noch etwas mehr Zeit in Addis. Während dieser Tage galt es, die Brillen nach Refraktionswerten und Astigmatismuswerten zu sortieren und aufzulisten. Am Montag kamen zur Gruppe, mit der wir am Mittwoch zur Fahrt nach Ghimbi aufbrachen, noch Dr. Bent Jensen, ein Geburtshilfearzt aus Dänemark und Dr. Kim ,ein Gefäßchirurg aus Südkorea samt Frau und Tochter. Wegen der schlechten Straßenverhältnisse benötigt man für die Strecke von ca. 450 Kilometern ganze 10 Stunden im Landcruiser-Jeep.
 
Die Abenteueraspekte kamen schon am Ankunftsabend nicht zu kurz: Es war der Abend des Termitenfluges. Vor dem Gästehaus, in dem ich untergebracht war, hing eine Glühbirne, um die etwa hundert Termiten schwirrten. Im Gästehaus, das schon seit einiger Zeit unbewohnt schien, Schaben und Flöhe im Bett. Als ich das nächste Mal vor die Tür trat, war die Nachtluft voll von schwirrenden libellengroßen Termiten, die von der Glühbirne beleuchtete Hauswand voll von Millionen der durcheinander krabbelnden Insekten.

Am nächsten Tag die Rettung – Pastor Thomas Haase kam zu Besuch und zeigte mir die Stadt und nahm mich mit auf den Markt, wo ich mich mit Lebensmitteln und Insektenspray eindecken konnte. Marmelade, Margarine und Brötchen steigerten das Wohlbefinden ungemein, es gab sogar ein Nutella-Imitat, "Krügers Pasta Nussa" zu einem vergleichsweise hohen Preis. Thomas Haase meinte, "nimm’s halt ’mal mit, manchmal brauch man Schokolade", er hatte unheimlich recht!

Aufbau des Augenheilkunderaumes

In den folgenden Tagen wurde die „Augenklinik“ im ehemaligen Tuberkulosepatientenraum aufgebaut. Der Raum bekam eine Aufhängung für den Phoropter, Tische und Regale für die Brillen. Nach ein paar Tagen konnte es dann losgehen. Patienten schilderten ihre Beschwerden, wobei eine Krankenhausangestellte beim Übersetzen half, dann folgte die Refraktionsmessung mit dem Phoropter. Von den 500 Brillen kamen jedesmal etwa fünf Brillen für die Refraktions- und Astigmatismuswerte des Patienten in Frage, die dem Patienten zum Testen herausgesucht wurden.

In der verbliebenen Zeit konnten bei einer Gesamtdauer von ca. 45 Minuten pro Patient täglich 10 bis 15 Patienten behandelt werden, insgesamt kamen so etwa 150 Patienten in der verbliebenen Zeit zusammen. Bis Oktober wird nun der Augenheilkunderaum geschlossen sein, dann wird eine Krankenschwester, die gerade in der Landeshauptstadt auf dem Gebiet der Augenheilkunde ausgebildet wird, die Klink mit den verbliebenen Brillen fortführen können.

Brillenprojekt am Ghimbi Adventist Hospital in Äthiopien

Brillenprojekt am Ghimbi Adventist Hospital in Äthiopien

Ghimbi und Umgebung

Nach Feierabend ging man mit den anderen Ausländern durch die Stadt zum Markt, wo man Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Chilis, Avokados oder Mangos bekommen konnte. An der Hauptstraße kam man an einer Vielzahl von kleinen Läden vorbei, jeder etwa 10 Quadratmeter groß, in denen man alles für den Hausgebrauch, von Seife über Schreibhefte bis Konserven, erwerben konnte.

Oder man traf sich im Restaurant der Stadt, dem Charoos, wo es landestypisches Essen gab. Injera, Teigfladen aus dem einheimischen Getreide Teff, von dem man Stücke abriss und dazu verwendete, Soßen aus Fleisch und Gemüse einzuwickeln. Für drei Personen bekam man ein komplettes Abendessen mit Getränken inklusive Kaffee für umgerechnet etwa drei Euro.

Da die Augenklinik nur von Montag bis Freitag geöffnet war, blieb am Wochenende Zeit, Ghimbi und die Umgebung zu erkunden. Gemeinsam mit den anderen Ausländern und einheimischen Krankenhausangestellten unternahm man Spaziertouren auf die Berge nahe der Stadt, durch Dörfer und Wälder mit Eukalyptus-, Kaffee- sowie Mangobäumen. Sonntags ging es in die Kirche. Äthiopische Gottesdienste haben es in sich, die Mekane Yesu Kirche, eine große Halle mit Blechdach, ist regelmäßig mit etwa tausend Besuchern gefüllt. Der knapp hundert Sängerinnen und Sänger starke Kirchenchor singt und es gibt wahlkampfredenartig emotional vortragende Vorbeter. Neben der Kirche sieht man das bald fertiggestellte Gästehaus, das gerade mit Unterstützung der Kirchengemeinde meines Dorfes gebaut wird.

Rückreise und Rückblick

Die Wochen mit Refraktionsmessungen und dem Heraussuchen von passenden Brillen vergingen unheimlich schnell, es stellte sich eine Routine ein, man war oft von morgens um acht bis abends um acht im Augenheilkunderaum tätig. Dann rückte schon der letzte Tag heran, am Samstag ging es frühmorgens gemeinsam mit dem dänischen Geburtshilfearzt, Dr. Jensen und zwei Krankenhausangestellten aus Malawi und Kenia zurück im Jeep nach Addis, wo wir abends nach zehnstündiger Fahrt eintrafen. Nach der recht spartanischen Unterkunft im Gästehaus in Ghimbi war der Stützpunkt der Hermannsburger Mission absolut luxuriös, komisch war es nur, auf einmal wieder Deutsch zu sprechen.

Den letzten Tag verbrachte ich gemeinsam mit Dr. Jensen in Addis, eine halbe Stunde vor Mitternacht ging dann der Ethiopian Airlines Flieger zurück nach Frankfurt. Ziemlich merkwürdig war es nach der Zeit in Äthiopien um sechs Uhr morgens am Folgetag von einem Polizisten mit "Ihren Pass bitte" angesprochen zu werden. Einige Stunden später startete bereits das nächste Unipraktikum, ein absolut verrücktes Gefühl nach dem Krankenhaus in Ghimbi durch meine Uniklinik zu laufen.

Durch Patienten, die ihre alten Brillen gespendet hatten und der Unterstützung von Augenoptikern sowie der Augenklinik meiner Universität, war es gelungen, in einer Umgebung, in der es überhaupt keine Augenoptiker und Augenärzten gab, den Anfang einer Grundversorgung aufzubauen. Glücklicherweise kann der Augenheilkunderaum mit der neuen augenheilkundlichen Krankenschwester im Herbst fortgeführt werden. (Text und Fotos: Stefan Kallenberger)

© Medizinische Nachrichtenagentur und Enzyklopädie 2009