27.10.2007 - Willensforschung: Freier Wille, Intention, Aktion

Willensforschung: ein Literaturüberblick

Cola oder Pepsi? Rot oder grün? Töten oder nicht? Haben wir die Wahl? --Philosophen haben seit langem darüber gestritten, ob der Wille des Menschen frei sei oder nicht. Besonders Kant hob die Willensfreiheit des Menschen und damit seine Verantwortung für sein Handeln hervor. Er machte die Vernunft zum Eckstein der Aufklärung. Zweihundert Jahre später wird die Diskussion um die Freiheit des Willens auf einer anderen Ebene geführt. Die Willensfreiheit, die Autonomie des Subjekts und die Schuldfähigkeit werden mit neuronalen Prozessen korreliert.

Seit die moderne Untersuchungsmethoden des Gehirns und bildgebenden Verfahren wie funktionelle Kernspintomographie und Positronen-Emissionstomographie Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns erlauben, haben Neurowissenschaftler und Philosophen Fragen aufgeworfen, die die Freiheit des Willens in Frage stellen. Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer weisen darauf hin, dass neuronale Prozesse, die dem Bewusstwerden zeitlich vorausgehen, die eigentlichen kausalen Ursachen bewusster Entscheidungen sind. Roth betont zum Beispiel, dass das unbewusst arbeitende emotionale Erfahrungsgedächtnis dem „Entstehen unserer Wünsche und Absichten“ voraus gehe und auch das letzte Wort bei der Entscheidung habe, ob das, was gewünscht wurde, auch getan werden soll. Diese Entscheidung fällt ein bis zwei Sekunden bevor wir die Entscheidung bewusst wahrnehmen und den Willen haben, die Handlung auszuführen.

[Literatur: Roth, G. (2003) Fühlen, Denken, Handeln; Geyer, Christian (2004) Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente; Singer, Wolf (2002) Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung.]

Psychiater sind mit der biologischen Bedingtheit rationaler Handlungen und Willensentscheidungen bestens vertraut. Täglich sehen sie psychischen Störungen wie Depression, Borderline-Syndrom, Posttraumatisches Stress-Syndrom, Schizophrenie, Amnesien oder Demenz. Krankheitsbilder, bei denen die Fähigkeit der Patienten zu Wollen in verschiedenem Maße beeinträchtigt ist. Auch gehört die zeitweise, biologisch bedingte Unfähigkeit eines Patienten für sein Handeln die volle Verantwortung übernehmen zu können, zur täglichen Erfahrung in einer psychiatrischen Klinik. Doch nicht alle, die die Freiheit des Willens heiß diskutieren, haben jemals eine psychiatrische Klinik betreten. Manche Historiker und Soziologen bestreiten gar die Realität psychischer Erkrankungen. Sie definieren sie als soziale Konstruktionen. Daher ist es verständlich, dass die Diskussion um die Willensfreiheit kontrovers geführt wird.

[Literatur: Heinze, Martin; Fuchs, Thomas; Reischies, Friedel M. (Hrsg.) (2006) Willensfreiheit - eine Illusion? : Naturalismus und Psychiatrie. Förstl, Hans (Hrsg.) (2005) Frontalhirn: Funktionen und Erkrankungen; Müller, Ulrich (2002) Die katecholaminerge Modulation präfrontaler kognitiver Funktionen beim Menschen; Rüegg, Johann Caspar (2005) Gehirn, Psyche und Körper. Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie.]

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In einem Themenheft der Psychologischen Rundschau Wie frei ist der Wille? (2005) argumentiert der Hans J. Markowitsch anhand von Fallbeispielen neurologischer und psychiatrischer Patienten, dass wir im Spiegel der Hirnforschung keinen freien Willen haben. Genetische Anlagen und Erfahrungen determinieren die Struktur und Funktion des Gehirns in einer Weise, die der Idee der freien Wahl im klassischen Sinne widerspricht. Mit Fragen der komplexen Wechselwirkung neurophysiologischer und biochemischer Vorgänge und damit zusammenhängenden Verhaltensmustern befasst sich auch das Buch Gehirn, Psyche und Körper: Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie (2005). Darin stellt der Heidelberger Physiologe Johann Caspar Rüegg verständlich dar, wie sich zum Beispiel Kindheitstraumen, Ängste, Depressionen und Schmerzerfahrungen auf unsere Hirnstruktur und Funktion auswirken und den Spielraum einer völlig freier Willensentscheidungen im klassischen Sinne einschränken.

[Literatur: Cuntz, U.; Hand, Iver; Wittchen, Hans-Ulrich (Hrsg.) (2005) Freier Wille und biologische Regulation: zwischen Biologie und Psychologie; Markowitsch, H.J. (2004) Warum wir keinen freien Willen haben. Der so genannte freie Wille aus Sicht der Hirnforschung]

In der Psychologie wird die Frage der Willensfreiheit unter dem Begriff der Volition diskutiert. Das klassische Experiment zur Volitionstheorie wurde Ende der siebziger Jahren von dem Physiologen Benjamin Libet in Kalifornien durchgeführt. Libet und seine Mitarbeiter baten ihre Probanden, zu einem frei gewählten Zeitpunkt das Handgelenk zu bewegen, während gleichzeitig die Gehirnaktivität aufgezeichnet wurde. Die Messung der Hirnströme zeigte, dass die zur Handbewegung notwendige Hirnaktivität etwa eine halbe Sekunde vor dem Moment einsetzte, in dem die Person sich bewusst dazu entschloss, ihr Handgelenk zu bewegen. Dies wird dahingehend interpretiert, dass die Entscheidung zuerst auf einer unbewussten Ebene stattfindet und später in eine „bewusste Entscheidung“ übersetzt wird.

[Literatur: Libet, Benjamin (2005) Mind time : wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Zur Kritik der Libet-Experimente, siehe Helmrich, H. (2004). Wir können auch anders: Kritik der Libet-Experimente. (S. 92-97). In: Geyer, Christian (2004). Hirnforschung und Willensfreiheit.]

Die Volitionsforschung stellt die Frage der Willensfreiheit in den Kontext der Motivation menschlicher Handlungen. Das zentrale Interesse gilt der Frage, wie eine Zielintention in eine Handlung umgesetzt wird. Psychologische Erklärungsmodelle bleiben dabei auf der beschreibenden Ebene, dem Streben nach Zielen, dem Bedürfnis und der Absicht. Die Sozialwissenschaften legen der Diskussion der Willensfreiheit oft die von Ökonomen entwickelte Theorie der rationellen Entscheidung zugrunde. Die „Rational choice theory“ geht davon aus, dass das menschliche Verhalten von rationellen Kosten-Nutzen Abwägungen gesteuert ist. Demnach entscheiden Menschen immer so, wie sie meinen, dass sie ihren Profit nach utilitären Gesichtspunkten maximieren können. Egal, ob es sich dabei um wirtschaftliche Überlegungen handelt oder um Fragen der Lebensqualität oder der Moral.

[Literatur: Bekannte Vertreter der Volitionspsychologie in Deutschland, die eigene Willenstheorien entwickelt haben, sind Heinz Heckhausen, Peter M. Gollwitzer, Julius Kuhl und Hilarion Petzold.]Die Neurowissenschaften konzentrieren ihre Aufmerksamkeit hingegen auf die sogenannten exekutiven Funktionen des menschlichen Gehirns. Sie betonen, dass die neurobiologische Basis den Phänomenen, die in Psychologie, Sozialwissenschaften und ökonomischen Theorien diskutiert werden, Grenzen setzt, die sich aus reiner Willensanstrengung nicht überwinden lassen. Es ist eine Frage der neuronalen Grundlagen kognitiver Steuerung. Ziele, Pläne, Prioritäten, die Reaktion des Menschen auf seine Umwelt, die Kontrolle von Impulsen, Emotionen, Aufmerksamkeit, Handlungsinitiativen, die motorische Steuerung, Ergebniskontrolle und Korrektur einer Handlung lassen sich aus Sicht der Neurowissenschaften nicht getrennt von der Struktur und Funktion des Gehirns betrachten.

[Literatur: Spitzer, Manfred (2005) Frontalhirn an Mandelkern; Petzold, H.G., Sieper, J. (2007): Der Wille, die Neurowissenschaften und die Pychotherapie.]

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Vor allem das Stirnhirn, der präfrontale Kortex, hat eine herausragende Bedeutung. Seit der Unfall des amerikanischen Bahnarbeiters Phineas Gage traurige Berühmtheit erlangte, ist in der medizinischen Literatur dokumentiert, dass organische Veränderungen des präfrontalen Kortex eine Auswirkung auf das Verhalten des Menschen haben, seine Willensentscheidungen und Charaktereigenschaften beeinflussen. 1848 erlitt Gage bei Sprengarbeiten eine schwere Verletzung des Stirnhirns und sein Arzt notierte den Zusammenhang der Hirnverletzung mit der Veränderung von Gages Persönlichkeit. Doch während Psychologen im ausgehenden 19. Jahrhundert die Verhaltensänderung als Ausdruck des ungebremsten Wirkens der Emotionen ansahen, die vom Willen nicht mehr gesteuert werden konnten, interpretieren Neurowissenschaftler wie Antonio Damasio hundert Jahre später den Sachverhalt umgekehrt.

Ursache des irrationalen und anti-sozialen Verhaltens sei gerade das Fehlen der emotionalen Information, die aufgrund der organischen Hirnschädigung nicht mehr rechtzeitig oder vollständig in den präfrontalen Kortex gelangen könne. Die Emotionen stehen zunehmend im Mittelpunkt des Interesses der Forschung. Für die Auswahl relevanter Informationen und die Steuerung des Denkens und Handelns ist das Zusammenspiel des präfrontalen Kortex mit anderen Hirnarealen wie etwa Mandelkern, Basalganglien und Thalamus erforderlich. Die exekutiven Funktionen sind bei vielen hirnorganischen Störungen beeinträchtigt. Hier suchen Neurowissenschaftler und Mediziner die ursächlichen Zusammenhänge in den verbindenden Nervenbahnen und den zugehörigen Neurotransmittersystemen.

[Literatur: Descartes' Irrtum : Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn; Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. Goldberg, Elkhonon. (2002) Die Regie im Gehirn: wo wir Pläne schmieden und Entscheidungen treffen; Dietrich Dörner: Bauplan für eine Seele; Die Mechanik des Seelenwagens. Eine neuronale Theorie der Handlungsregulation.]Doch trotz der Evidenz für die biologischen Grenzen und die Bedingtheit von Willensentscheidungen scheint eine Einigung über die Frage zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern bisher nicht erreicht. Der Sammelband Willensfreiheit - eine Illusion? : Naturalismus und Psychiatrie versucht einen Brückenschlag zwischen den Fronten. Geist und Willensfreiheit erörtert klassische Freiheitstheorien von der Antike bis zur Moderne: Aristoteles, Augustinus, Luther, Leibniz und Hegel, Kant und Fichte, Schelling, Kierkegaard und Heidegger, Freud und gegenwärtige Psychiatrie und Gerichtsmedizin.

Insbesondere wird gezeigt, weshalb das Freiheitsthema nicht ohne systematische Hintergründe in Ethik, Metaphysik, Erkenntnistheorie und Religionsphilosophie behandelt werden kann. Zahlreiche jüngst erschienene Titel aus den Geisteswissenschaften plädieren für den Erhalt des klassischen Konzeptes der Willensfreiheit. Zum Beispiel argumentiert Bettina Walde in Willensfreiheit und Hirnforschung: Das Freiheitsmodell des epistemischen Libertarismus auf erkenntnistheoretischer Grundlage gegen die als verheerend empfundenen Konsequenzen der neurowissenschaftlicher Forschung für das menschliche Selbstverständnis. Die Willensfreiheit, so die Autorin, lasse sich empirisch nicht widerlegen und deswegen könne man trotz der Erkenntnisse der modernen Hirnforschung am Konzept der Willensfreiheit festhalten.

[Literatur: Heckhausen, H., Gollwitzer, P.M. & Weinert, F. E. (Hrsg.) (1987) Jenseits des Rubikon. Der Wille in den Humanwissenschaften; Eley, Lothar (2004) Grundzüge einer konstruktiv-phänomenologischen Kognitions- und Willenstheorie; Gerhard Roth/Klaus-Jürgen Grün (Hrsg.) (2006) Das Gehirn und seine Freiheit : Beiträge zur neurowissenschaftlichen Grundlegung der Philosophie.] (Text: Dr. med. Claudia Wassmann Ph.D.; Wissenschaftshistorikerin und Ärztin)

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