Gegen zahlreiche Widerstände wurde am 17. April 2005 das deutsche Irene-Salimi-Kinderhospital in der afghanischen Hauptstadt Kabul offiziell eröffnet. In Afghanistan ist der Bedarf an fachkundiger medizinischer Hilfe groß. Das Land ist noch immer von den Folgen jahrzehntelanger Kriege gezeichnet und kriegsbedingt gibt es auch heute noch zahlreiche Minenopfer, darunter viele Kinder, die beim Spielen mit Minen in Berührung kommen. Auch bei Attentaten und den zahlreichen Verkehrsunfällen im übervölkerten Kabul werden regelmäßig Kinder verletzt, bekommen dann aber nicht die benötigte medizinische Versorgung.
Das afghanische Gesundheitswesen kann derzeit nicht selbst flächendeckend medizinische Versorgungseinrichtungen anbieten. Zudem sind die wenigen staatlichen Kliniken oder privaten Arztpraxen oftmals zu teuer für die einfache Bevölkerung und die hygienischen Bedingungen sind dort oft katastrophal. Als Alternative dazu werden im zweitärmsten Land der Welt "medizinische Dienstleistungen am Menschen" wie das Richten von Knochenbrüchen oder Zahnbehandlungen auf dem Bazar angeboten.
Neben der Erstversorgung ist auch die vollständige Genesung sehr wichtig, da Kinder mit Behinderungen in Afghanistan von der Gesellschaft stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Für eine angemessene Behandlung ist daher der Betrieb einer orthopädischen Fachklinik mit internationalen Standards dringend erforderlich. Das Irene-Salimi-Kinderhospital versucht diesen Ansprüchen gerecht zu werden. So werden dort Kinder in den meisten Fällen nicht zur Erstversorgung eingeliefert, sondern für überwiegend zu weiteren OPs, bei denen orthopädische Schäden korrigiert werden.
Helma Dechentreiter, die Mitbegründerin des Irene-Salimi-Kinderhospitals, arbeitete zuvor für einige Jahre als Krankenschwester im Indira-Ghandi-Krankenhaus in Kabul. Missstände wie Korruption oder die Tatsache, dass afghanische Patienten für die aus Deutschland gespendeten Medikamente bezahlen mussten, waren für sie Auslöser ein bezahlbares medizinisches Versorgungssystem für die Kinder der Stadt aufzubauen. Der Grundstein für dieses anspruchsvolle Vorhaben wurde Ende 2002 gelegt, als das Ehepaar Dechentreiter mit dem afghanischen Gesundheitsministerium übereinkamen, die orthopädische Kinderklinik zu errichten.
Hierzu wurde das Gelände eines im Krieg zerstörten Tuberkulose-Krankenhauses an das neue "Irene Salimi Kinderhospital Kabul" übereignet. Benannt wurde das Hospital übrigens nach der ebenfalls aus Deutschland stammenden Irene Salimi, die während der religiös-fundamentalistischen Taliban-Zeit wichtige Beiträge für die deutsch-afghanischen Beziehungen geleistet hat. Heute füllt das Kinderhospital eine wichtige Versorgungslücke in Kabul und Umgebung.
Die Versorgungssituation
Die Finanzierung des Irene-Salimi-Kinderhospitals erfolgt teilweise über die eigens dafür ins Leben gerufene Georg Dechentreiter Wohlfahrts-Stiftung (GDWS) und einige Hersteller von medizinischen Geräten und Arzneimitteln spenden gelegentlich Material, das in Containern aus Deutschland eingeflogen wird. Fehlendes Material wird auf dem Kabuler Pharmacy-Markt beschafft. Derzeit würde die Klinik gerne mit der Einrichtung einer Kinderintensivstation einschließlich Wärmebett und Inkubator beginnen. Dafür fehlen jedoch im Moment die Mittel. Laut Klinikvorstand stehen auch drei Sets "Ilizarov - Fixateuer Externs" für die Kinderorthopädie auf der Wunschliste.
Im Außengelände der Klinik wurde ein 52 Meter tiefer Brunnen gebohrt, der die Versorgung mit sauberem Trinkwasser jederzeit sicherstellt. Auch der Strom wird selbst erzeugt. Dies ist für ein Hospital in Kabul sehr wichtig, da die öffentliche Stromversorgung in Afghanistan derzeit noch unter häufigen Ausfällen leidet. Gerade bei einer Operation hätte dies schwerwiegende Folgen. Zum Ausbau der Stromversorgung wird zusätzlich noch eine PV-Hybrid-Anlage benötigt.
Im Garten innerhalb des Klinikgeländes werden frischer Salat und Gemüse angebaut, das dann vom einheimischen Küchenpersonal in einer neu errichteten Krankenhausküche zubereitet wird. Grundsätzlich versucht die GDWS so viele Einheimische wie möglich zu beschäftigen. Noch besonders erwähnenswert: Die Soldaten des deutschen Einsatzverbandes ISAF unterstützten die Klinik mit einer Patenschaft. Dabei sorgen sie nicht nur für gelegentliche Geldspenden, sondern halfen bisher auch bei der Vermittlung von medizinischen Geräten und Sachspenden.
Seit dem Umzug des deutschen Einsatzverbandes in den Norden Afghanistans, ist die Unterstützung für die ISAF-Paten jedoch schwierig geworden. Hierzu Klinikleiter und Stiftungsvorstand Georg Dechentreiter: "Die Unterstützung läuft jetzt praktisch auf Sparflamme und nur über einen Verbindungsmann. Unsere Soldaten fahren seit einem Jahr ja nur noch in Panzern umher und machen auch keine Streifen mehr zu Fuß. Wir selbst haben eine Einladung ins ISAF-Camp nicht wahrgenommen, weil an Tag der Deutschen Einheit hier wieder eine Bombe explodierte und wir nichts riskieren wollten."
Sicherheitslage
Das allgemeine Gefahrenpotential hat im letzten Jahr wieder zugenommen, allerdings liegt das Hospital am Rande von Kabul und ist somit bei Ausschreitungen, wie sie im Mai dieses Jahres in Kabul stattfanden, nicht direkt betroffen. Gegen Selbstmordattentate ist niemand gefeit, aber Zivilpersonen sind zumindest kein erklärtes Kampfziel. Auch die Raketen, die gelegentlich in den Bergen abgefeuert werden, sind auf die andere Seite von Kabul oder Ziele in der Innenstadt gerichtet.
"Es besteht eine erhöhte Gefahr, Opfer von Kriminalität - wie Diebstahl, Erpressung oder Raubmord - zu werden, oder bei einem Verkehrsunfall zu Schaden zu kommen", gibt Klinikleiter Dechentreiter zu verstehen. "Bisher hatten wir aber im ISH noch kein Security Problem." Das Gelände wird von einer hohen Mauer und einem Wachmann gesichert.
Ärzte benötigt
Das Ärzteteam des Kinderhospitals ist derzeit noch international zusammengesetzt, denn bis genügend afghanische Ärzte auf dem gleichen medizinischen Niveau sind, wird es noch Jahre dauern. Aus diesem Grund werden dringend Ärzte aus Deutschland benötigt, die dazu bereit sind, im ISH zeitweise zu operieren. Das Ärzteteam des ISH würde sich daher wünschen, dass weitere Ärzte aus deutschen Kliniken bereit wären, zeitweilig im OP mitzuarbeiten.
Aber auch jede weitere materielle oder finanzielle Unterstützung ist natürlich jederzeit höchst willkommen! Für weitere Informationen und Auskünfte steht die Autorin Sabine Winkle gerne zur Verfügung.
Aktuelle Informationen finden sich auch auf der Internetseite www.irene-salimi-kinderhospital.org .
© Medizinische Nachrichtenagentur und Enzyklopädie 2009






