17.10.2005 - Patienten-Schicksal "Locked-in-Syndrom"

Interview übers "Jenseits von gut und böse"

Handschriftliche Notiz von Dr.Pantke zum Thema Locked-In
Handschriftliche Notiz von Dr. Pantke: "Lieber Herr Doktor, da ich mich z.Z. nur schlecht verbal äußern kann, jedoch im Vollbesitz meines Willens bin, gebe ich folgende Erklärung ab: Mir geht es hier sehr gut, und ich möchte hier bleiben, bis ich wieder gehen kann. Sie haben mir den ersten Schritt aus der Hölle gewiesen, weitere werden folgen..."

Gerade als er bei der Steuerklärung grübelt, im März 1995, erleidet der 39jährige Dr. Karl-Heinz Pantke, Diplom-Physiker und Experte für Kurzzeitphysik, einen Stammhirninfarkt - eine besonders schwere Form des Schlaganfalls, den die meisten Menschen nicht überleben. Dr. Pantke wird Stunden später von seiner Lebensgefährtin gefunden - die herbeigerufenen Sanitäter erklären ihn für tot, was er bei vollem Bewußtsein miterlebt. In der Klinik wird später das so genannte Locked-in-Syndrom diagnostiziert.

Die Erkrankung führt zu einer völligen Lähmung, der Patient muß künstlich ernährt und beatmet werden. Patienten mit Locked-in-Syndrom sind im eigenen Körper "eingesperrt" (engl. Locked-in), sie können sich nicht selbstständig bemerkbar machen - daher wurden sie früher für bewußt- und emotionslos gehalten - ein entsetzlicher Irrtum!

Die älteste Beschreibung findet sich in "Der Graf in Monte Christo" von Alexander Dumas: Monsieur Noirtier de Villefort wird dort als "Leichnam mit den lebenden Augen" beschrieben... Dr. Pantke hat 1998 nach 3 1/2 Jahren schwerster Krankheit ein Buch geschrieben. Dieses Interview wurde in in der Fachzeitschrift "not - Der Schädel-Hirnverletzten" im Juni 1999 abgedruckt. Es wurde von Andreas Frädrich (Herausgeber von medixtra.com) geführt. Das Thema hat an Aktualität nicht verloren...

Dr. Pantke - Patienten-Schicksal "Locked-in-Syndrom"

"Ich war bei vollem Bewußtsein, konnte aber keinerlei Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen. Ich war Gefangener meines eigenen Körpers"

Interview übers "Jenseits von gut und böse"


Andreas Frädrich:
Ihr Patientenschicksal ist für Laien gleichermaßen wie für Fachleute und Ärzte eine tatsächlich unglaubliche Begebenheit - wie geht es Ihnen zur Zeit?

Dr. Pantke: Es geht mir gut, weil ich froh bin, noch am Leben zu sein. Auch weiß ich von anderen Patienten, die erst nach Jahren oder sogar nie die Locked-in-Phase verlassen. Ich weiß die positive Wendung der Erkrankung natürlich zu schätzen. Aber richtig Freude kommt nicht auf bei jemanden, der gerade der Hölle entkommen ist. Irgendwie haftet das Vergangene an einem. Ich habe den Krankheitsverlauf, es sei denn hinsichtlich meines Buchprojektes, weitgehend verdrängt. Wenn einem Menschen etwas schreckliches passiert, ist es manchmal das Beste nicht zurückzublicken oder sich umzudrehen.

Andreas Frädrich: Als Diplomphysiker und Experte für Kurzzeitphysik haben Sie Ihr größtes "Langzeit"-Experiment vollbracht - eine dreieinhalb Jahre währende Rückkehr in ein humanes Leben: Es ist Ihnen geglückt. Sie mußten und wollten sich mit der ureigensten Grenze befassen - der Grenze zwischen diesseits und jenseites, zwischen Traum, Schein und Realität. Sie sprechen auch sehr eindrucksvoll vom Verlassen aus dem eigenen Körper, eine Schilderung, die sich auch immer wieder in Berichten von Nahtoterfahrungen wiederholt. Erlauben Ihre Erlebnisse eine veränderte Betrachtungsweise zur Dimension Zeit, genügen Ihrer Meinung nach die gültigen naturwissenschaftlichen Definitionen für Zeit und Raum?

Dr. Pantke: Für den Wissenschaftler haben sich die Betrachtungsweise von Raum und Zeit nicht geändert. Wissenschaft ist immer einem objektiven Maßstab unterworfen. Wenn ich mich mit einem Kollegen über ein Experiment unterhalte, kann dieser sofort nachprüfen, ob ich die Wahrheit oder Unsinn erzähle. Um dies zu entscheiden, bräuchte er nur das Experiment zu wiederholen. Selbst den eigenen Tod vor Augen, konnten mein wissenschaftliches Verständnis von Raum und Zeit nicht ändern. Grundlegend geändert hat sich jedoch mein Gefühl für Raum und Zeit. Die Erkrankung zeigt mir, dass jede Zeit - so schlimm sie auch sein mag - irgendwann vorüber ist.

Die Erkrankung dauert jetzt dreieinhalb Jahre. Die Zeitspanne kommt mir sehr kurz und gleichzeitig lang vor. Kurz deshalb, weil während dieser Zeit außer "krank sein" kaum etwas Entscheidendes passiert ist. Lang deshalb, weil ich während dieser Zeit Erfahrungen gesammelt habe, die die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben nicht sammeln. Geändert hat sich auch das Gefühl für den Raum. Ich unterscheide jetzt zwischen Reisen, die mit einem Ortswechsel verbunden sind und Reisen, die möglich sind ohne das der Reisende sich auch nur einen Millimeter fortbewegt.

Ihre Fragestellung schließt irgendwie ein, dass durch den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft eine umfassende Beschreibung der Natur möglich ist. Ich habe da meine Zweifel. Das soll nicht heißen, daß das überhaupt nicht möglich ist. Ich erwarte für die nächsten Generationen ein Umdenken bei der Beschreibung durch die Wissenschaft, das unser Weltbild umfassend ändern wird.

Dr. Pantke im Interview zum Thema Locked-In

Andreas Frädrich: In der Beschreibung Ihres Dämmerzustands in der ersten Zeit setzte sich die Erkenntnis eines Defizits durch - kann man dies als ersten, maßgeblichen Schritt zur Genesung betrachten? Ist gegebenenfalls nicht auch die Selbstaufgabe naheliegend? Welche Hilfen von der "Außenwelt" würden Sie vergleichbaren Locked-in-Patienten wünschen?

Dr. Pantke: Die erste Frage ist sehr schwer zu beantworten, weil ich natürlich nur für mich reden kann. Bei mir wurden die Drogen recht früh abgesetzt. Das hat dazu geführt, daß mir überhaupt erst klar, was mit meinem Körper los ist. Das kann als erster Schritt zur Genesung betrachtet werden. Notwendig, aber leider nicht hinreichend zur Genesung ist eine unglaubliche Härte gegen sich selbst. Man muß praktisch jeden Tag einen Sieg über sich erringen. In einer solchen Extremsituation kann der Mensch unglaubliche Kräfte entfalten. Ich wundere mich über mich selbst. Wie konnte ich diese Zeit durchleben? Extreme Situationen lassen den Menschen über sich selbst wachsen. Eine Selbstaufgabe ist absolut auszuschließen.

Zu Ihren zweiten Frage. Zunächst wünsche ich anderen Locked-in-Patienten, daß sie als solche erkannt werden. Es muß versucht werden, den Patienten aus seiner Einsamkeit rauszuholen. Ich halte es für sehr wichtig, den Patienten häufig anzufassen, sein Tastsinn ist nicht beeinträchtigt.

Andreas Frädrich: Zu den Urängsten des Menschen zählt die Todeserklärung bei vollem Verstand, wie auch in Ihrem Fall geschehen durch die Sanitäter angesichts der Diagnose nach dem Schlaganfall. Sie sind dann doch nicht im Leichenschauhaus gelandet. Haben Sie Hoffnung, daß in der Zukunft Meßgeräte dermaßen sensibilisiert werden, die denkbar schwache Signale wie die des "verstandesmäßigen Denkens" bei Locked-in-Patienten registrieren könnten und nicht erst mimimale mechanische Signale wie zum Beispiel Augenflackern erfordern...

Dr. Pantke: In gewisser Weise ist das heutzutage schon möglich. Soweit ich mich richtig erinnere können einzelne Gedanken im Gehirn sichtbar und lokalisiert werden. Inwieweit einzelne Gedanken bei Locked-in-Patienten dargestellt wurden, weiß ich nicht. Viel interessanter fände ich die Fragestellung, ob andere Menschen in der Lage sind, die schwachen Signale eines Locked-in-Patienten zu empfangen. Aus meiner eigenen Krankheitsgeschichte muß ich mit "ja" antworten. Leider kann ich keinen wissenschaftlichen Beweis für meine Behauptung liefern. Ich möchte deshalb nicht irgendwie metaphysisch mißinterpretiert werden. Ich halte einen Vorgang, der bei einer komplezierten Apparatur möglich ist, auch für den Menschen für möglich, wenn gleich wir uns zur Zeit nicht vorstellen können, welcher Art diese Kommunikation zwischen Menschen sein soll.
 
Andreas Frädrich:
Wie lautet Ihre Botschaft an akute Locked-in-Patienten, wenn diese augenblicklich in der Lage wären, diese Zeilen lesen zu können?

Dr. Pantke: Es kann sein, dass sie kein Vertrauen in die Selbstheilungskräfte ihres Körpers haben. Während der letzten zwei bis drei Jahre hat ein umfassendes Umdenken in der Neurologie stattgefunden. Selbst die sehr alte Lehrmeinung "Nervenzellen wachsen nicht nach" wurde widerlegt. Ich erwarte, daß es in Zukunft ein Medikament geben wird, dass Nervenzellen zum Wachstum stimuliert. Dieses Medikament wäre zwar nicht speziell für Locked-in-Patienten entwickelt, aber diese könnten hiermit behandelt werden.

Andreas Frädrich: Wir bedanken uns für die freundliche Auskunft und wünschen für die Zukunft alles Gute... [mehr]